taz vom 9.11.04

Träume von der Ferne

Eine CD erforscht Lieder der Edelweißpiraten, die oft auch von den Nazis okkupiert wurden, und vertont sie neu
In Köln gab es während der Nazizeit viele Jugendgruppen, die sich dem Drill der HJ verweigerten. Sie trafen sich am Abend im Volksgarten oder dem heutigen Friedenspark. Am Wochenende ging es oft in informeller Montur und mit Gitarre und Mundharmonika in den Königsforst oder zum Felsensee im Siebengebirge. Es wurde gewandert, musiziert und gesungen. Ein Hauch von Freiheit und Widerspenstigkeit in trübsten Zeiten.
Das EL-DE-Haus widmete den "Edelweißpiraten und Navajos" zuletzt eine Ausstellung, die wegen der großen Nachfrage ab 17. November erneut zu sehen sein wird. Jean Jülich, einer der prominentesten überlebenden Edelweißpiraten, veröffentlichte im Vorjahr seine Biografie. Zeit also, sich näher mit den Liedern der Jugendlichen zu beschäftigen.
17 Stücke liegen jetzt unter dem wunderbar verwirrenden Titel "Es war in Schanghai" auf CD vor - bearbeitet, neu eingespielt und herausgegeben von Jan Ü. Krauthäuser, Rainer G. Ott und Martin Rüther, dem Macher der Ausstellung. Außerdem gibt es eine DVD und ein Buch.
Die Quellenarbeit war schwierig: Schriftliche Zeugnisse wie Liederbücher sind kaum erhalten, die meisten Texte existieren lediglich in der Erinnerung der Beteiligten. Ein festes Repertoire an Songs gab es bei Edelweißpiraten und Navajos nicht.
Aus einem schier unerschöpflichen Fundus an Liedern, die wiederum in zahllosen Versionen existierten, wurden für »Es war in Schanghai« 17 Stücke ausgewählt. Nahe liegend wäre nun natürlich gewesen, bewährte Traditionalisten mit der Neubearbeitung zu beauftragen. Und schrecklich langweilig zudem.
Die Herausgeber luden bewusst weniger bekannte Kölner Musiker zur Neueinspielung der Lieder ein. So zählen jetzt La Papa Verde, Werle & Stankowski, Oneijuru, Tanja i Towarischi, Tonshmide, Microphone Mafia feat. Shana, Konterbande, Harald "Sack" Ziegler, Bam Bam Babylon Bajasch, Sedlmeir und Der Läufer zu den Interpreten.
Eine Modernisierung, die bei ehemaligen Edelweißpiraten zunächst auf Skepsis stieß: Ihre Stücke könne man nicht verjazzen, so die erste Reaktion von Jülich. Doch dann ließ es sich der beliebte Kneipier und Karnevalist nicht nehmen, die Kompilation persönlich mit seiner herzzerreißenden Version von »Es war in Schanghai« zu eröffnen. Auch beim Abschlusslied ist er zu hören, und bei "En der Blech" singt Getrud "Mucki" Koch mit, eine der wenigen Frauen, die sich nach 1945 zu ihrer Mitgliedschaft bei den Edelweißpiraten bekannt hat.
Viele der Lieder handeln von fernen Ländern und Spelunken, in denen man beisammen sitzt und an die ferne Heimat denkt oder auch die bevorstehende Reise. Eine Form deutscher Romantik. Auch liedhistorisch ist die Auswahl interessant: »Hohe Tannen«, von Harald »Sack« Ziegler eindringlich mit Waldhorn untermalt, gilt als eine der Hymnen der Edelweißpiraten. Das Lied wurde kurzzeitig von der HJ adaptiert, ehe es, mittlerweile verboten, in modifizierter Version an vielen regimekritischen Lagerfeuern zu hören war.
"Wilde Gesellen", wahrscheinlich 1921 entstanden und jetzt neu interpretiert vom "Menschensinfonieorchester", fand zunächst ebenfalls Aufnahme in das Repertoire der HJ, eine Zeile wurde sogar titelgebend für deren Sangesbuch »Uns geht die Sonne nicht unter«, ehe es sich - längst aus HJ-Liederbüchern getilgt - zu einem widerständischen Lied wandelte.
Auch einen veritablen Dancefloor-Hit gibt es zu hören: »In Junkers Kneipe« von Rapper und DJ Mr. Carl sollte bald Einzug halten in die Sets der kölschen Sound-Systems. Im Friedenspark und anderswo.
Christian Meier-Oehlke

Evangelischer Pressedienst, 8.11.04

“Es war in Schanghai” - Die Musik der Edelweißpiraten wird wiederentdeckt und neu interpretiert

“Edelweißpiraten, die sind treu” heißt ein fünfundvierzigminütiger Dokumentarfilm, der Samstag in Köln erstmals vorgeführt wurde. Er ist Teil eines Pakets aus Buch, CD und DVD, das sich mit den Liedern der Edelweißpiraten beschäftigt. Auf der CD “Es war in Schanghai” interpretieren Kölner Bands die Lieder der antifaschistischen Jugendbewegung zeitgemäß und alte Edelweißpiraten singen Originalversionen. Das Buch befasst sich mit der wissenschaftlichen Dokumentation des Liedguts und seiner Entwicklung. Der Film zeigt Begegnungen zwischen Musikern und Zeitzeugen, die Arbeit im Studio und stellt einige der Stücke in Videos und Konzertausschnitten vor.
Die Idee zu dem Projekt enstand während der Arbeit an der Ausstellung “Von Navajos und Edelweißpiraten - Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933-1945” im Kölner El-De-Haus. Dort befand sich im 3. Reich das Gestapo Hauptquartier, heute beherbergt das Haus das NS-Dokumentationszentrum, eine Dauerausstellung und eine Gedenkstätte. Während der “Langen Nacht der Kölner Museen” fand hier die Preview des Films statt, im Rahmenprogramm gab es live klassische und neue Fassungen der Lieder zu hören.
Auf der CD finden sich Drum'n'Bass, Neo-Folk und Rap: die Weisen der Bündischen Jugend sind oft kaum wiederzuerkennen. Das sei, so Jean Jülich, 75jähriger Edelweißpirat, gewöhnungsbedürftig. “Doch wenn wir der Jugend etwas mitteilen wollen, müssen wir ihre Sprache sprechen.” Für Fernando Ugarte, den chilenischen Sänger der Formation “La Papa Verde” war die Teilnahme an dem Projekt ein politisches Anliegen: “Faschismus sollte man mit allen Mitteln bekämpfen, unser Medium ist die Musik”. Der Musiker Harald “Sack” Ziegler suchte sich mit “Hohe Tannen” ein Volkslied aus, “dass die Nazis vereinnahmt und die Edelweißpiraten zurückerobert haben” und gab ihm mit Waldhorn im Reggae-Tempo ein neues Gesicht.
Im Film sagt Edelweißpiratin Mucki Koch: “Die Lieder kann man nicht verjazzen, die müssen bleiben wie sie sind.” Dennoch: Am Ende schenkt sie dem Leiter des Musikprojektes, Jan Ü. Krauthäuser, ihr wertvollstes Andenken: Den alten Edelweißanstecker. Dafür, “dass Du mit uns ‘raus ins Land gehst und zeigst, dass wir noch da sind.”

Christian Gottschalk
Hinweis
Das Paket kostet fünfzehn Euro und wird über das NS-Dokumentationszentrum vertrieben. Kontakt: www.ns-dok.de. Näheres zum Projekt: transparent-photo.de/tv/projekte.html


junge welt, 10.11.04


»Wir wollten frei von Hitler sein«
 
Am Sonntag erklangen erstmals Lieder der Edelweißpiraten in der früheren Kölner Gestapo-Zentrale
 
Der 80jährige Jean Jülich singt voller Inbrunst: »... da wo die Fahrtenmesser blitzen, und die Hitler-Jungen flitzen, und die Edelweißpiraten hintendrein. Was kann das Leben uns denn schon geben, wir wollten frei von Hitler sein« und schlägt dazu die Gitarre – im ehemaligen Hauptquartier der Kölner Gestapo. Das Lied heißt »In Junkers Kneipe«, die »Nationalhymne« der Edelweißpiraten. Die Zuhörer sind im Durchschnitt sechzig Jahre jünger als der Kölner Arbeitersohn, dem der Widerstand gegen das Naziregime fast das Leben gekostet hätte. Jülich gehört zu den 18 Überlebenden von 150 Widerständlern, die die Gestapo im Februar 1945 vor den heranrückenden Alliierten von Köln bis nach Hessen verschleppte. Zuvor war er gefoltert worden.
Jülich spielte am vergangenen Sonntag zur »Langen Nacht der Museen« in Köln. Die Veranstaltung, auf der auch andere Bands Lieder der Edelweißpiraten coverten und der Dokfilm »Edelweißpiraten, die sind treu« von Rainer B. Ott und Hacky Hagemeyer gezeigt wurde, dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Es dürfte einmalig in der Geschichte des Gebäudes gewesen sein, daß hier die Musik der Edelweißpiraten ertönte.
Es ist von besonderer Ironie, daß 80 Prozent des Kölner Zentrums den Bombardements der Alliierten zum Opfer fielen, die Gestapo-Zentrale in der Elisenstraße aber den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt überstand. Nach ’45 war dort die Rentenstelle der Stadt Köln untergebracht. Die alten Zellen dienten der Aktenablage. Die Regale verbargen die Wandschriften der Gestapo-Opfer. Erst in den 70er Jahren gelang es engagierten Bürgern, auf die Einzigartigkeit des Ortes aufmerksam zu machen und dort die Errichtung eines NS-Dokumentationszentrums durchzusetzen. Bei der Restaurierung tauchte auf einer Zellenwand ein Hinweis auf die Edelweißpiraten auf. Eingeritzt stand dort: »Rio die Schaniro. Aheu Kabalero. Edelweisspiraten sind treu.«
Im Frühjahr 2004 zeigte das NS-Dokumentationszentrum in einer Sonderausstellung die Geschichte »von Navajos und Edelweißpiraten« als ein Beispiel von unangepaßtem Jugendverhalten im Köln der Jahre 1933–1945. Das Projekt gebar die Idee, das Liedgut der Edelweißpiraten zu rekonstruieren und es den aktuellen Musikströmungen anzupassen. Viele Liedtexte waren gar nicht oder nur noch teilweise überliefert, Melodien fehlten. Die Edelweißpiratin Mucki Koch war begeistert, sie möchte, »daß unsere Lieder überliefert werden«.
Monate intensiver Arbeit haben eine Musik-CD, ein Buch und den Dokfilm auf DVD hervorgebracht. Unterstützung kam vom NS-Dokumentationszentrum, dem WDR und der Imhoff-Stiftung.
Die Edelweißpiraten verstanden es als einen Akt ihres vielfältigen Widerstands, den »Panzerliedern« der Wehrmacht mitsamt dem staatlichen verordneten Rassimus ihre Fahrtenlieder voller individueller Freiheit entgegenzusetzen. Die Bilder des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion sind bekannt. So ist vorstellbar, welcher Affront es für die Nazis war, wenn sich »arische« Jugendliche mit dem »sowjetischen Untermenschen« verbündeten, indem sie das »Tscherkessenlied« schmetterten, in dem besungen wird, wie die wilden Reiter frei und stolz über die Steppe jagen und ihre Feinde niedermachen. Die im Rheinland bekannte HipHop-Gruppe Microphone Mafia hat dieses Lied gecovert. Dazu drehte Hagemeyer einen Videoclip. Während Shana singt: »... reiten stolz durch die Nacht ...«, cruist Sänger Rossi im Alfa-Romeo-Cabrio durch die Gegend.
Am Ende sind die Meinungen der Edelweißpiraten über das Ergebnis geteilt. Mucki Koch beharrt: »Die Lieder, die kann man nit irgendwie verjazzen oder ins Moderne umsetzen.« Ihr Kamerad Jülich meint aber: »Das ist die heutige Zeit. Wir werden uns daran gewöhnen müssen.« Am 27. November findet die Präsentation von CD, Buch und DVD im Bürgerhaus Stollwerck statt. Ein gutes Dutzend Kölner Bands spielen dann ihre Edelweißpiratenlieder. Anschließend folgt der Karneval, der teilweise stark politisiert ist und erfahrungsgemäß als Katalysator für die Verbreitung dieser Art von Musik dient.

Ingo Niebel


Deutsche Welle: Os "Piratas" da resistência

WDR Funkhaus Europa, Beitrag von Jürgen Salm

 

Erste Reaktionen auf »Es war in Schanghai«

»17 neu eingespielte Stücke sind dieser Tage unter dem Titel »Es war in Schanghai« als CD erschienen, dazu gibt es noch eine DVD und ein Buch, alles im Preis inbegriffen. Zur Bearbeitung und Neueinspielung der Stücke luden die Herausgeber statt der bewährten Traditionalisten unbekanntere Kölner MusikerInnen ins Studio. Das Ergebnis ist eine wundervolle Compilation, die sich mal behutsam, mal radikal dem Liedgut jener Tage nähert.«CMO (Stadtrevue, Köln)

»Besonders fasziniert hat mich an dem Projekt die Art und Weise wie dieses alte Material bearbeitet wurde, das klingt überhaupt nicht altbacken sondern hochmodern! - Es wird ja immer wieder bedauert, dass viel zu wenig mit deutschen Texten und deutscher Musik passiert. Das Projekt »Es war in Schanghai« geht echt nach vorne und zeigt uns den Weg! Francis Gay (WDR, Funkhaus Europa)

»Die Zahl jener Jugendlichen, die aufgrund unangepassten Verhaltens mit der Gestapo in Konflikt gerieten, ging allein in Köln in die Tausende. Sie alle sangen ihre Lieder, die sie oft bewusst als eine Art Waffe gegen NS-Regime und Hitlerjugend einsetzten. Dabei entwickelten sie ein erhebliches kreatives Potential.Diese verschüttete Traditionslinie versucht das Projekt wieder zu entdecken. Hierzu können Historiker und Musikwissenschaftler Hilfestellungen geben, umsetzen aber müssen es die jugendlichen Musikerinnen und Musiker von heute. Dass Ihnen das auf eindrucksvolle Weise gelungen ist, belegen die vorliegenden Ergebnisse, und es steht zu hoffen, dass sie zahlreiche Nachahmer finden.«
Martin Rüther (Historiker, NS-Dokumentationszentrum)

»Als ich die CD zum ersten Mal gehört habe, da habe ich gedacht: ach du lieber Gott. Wat ist dat? Unsere schönen Lieder... Aber wie gesagt man muss sich selbst da gegen's Schienbein treten und sagen, das ist die heutige Zeit. Und wenn wir wünschen daß die heutige Zeit Verständnis für uns Alte findet, dann dürfen wir uns da nicht querstellen und schulmeisterlich sagen, um Gottes Willen, dat is nix. So geht das nicht, wir werden uns daran gewöhnen müssen. Jean Jülich (Edelweißpirat, Autor, ...)

»Ihr habt in euren Film auch sehr viel Humor gepackt, das gefällt mir riesig. Der Ernst der Sache kommt aber auch nicht zu kurz und manchmal ist es richtig anrührend! Wie wichtig euer Projekt für die Zukunft ist, erschließt sich jetzt immer mehr. Mit jedem Baustein kommt ihr dem großen Ziel näher, den Edelweißpiraten ein längst fälliges Andenken zu schenken. ich sage bewusst nicht Denkmal, denn die Dinger stehen nur in der Gegend rum und werden oft nicht gewürdigt. Andenken ist etwas, das jeder bei sich aufbewart oder mit sich trägt. Harald S. Ziegler